Lieber Leser,

nach dem Superstart von 0,7% BIP-Zuwachs im 1. Quartal sah alles gar nicht so schlecht aus. In seinem traditionellen Interview am französischen Nationalfeiertag ging Präsident Hollande dann auch bereits von einer Trendwende aus „… das Wachstum ist da, wenn auch noch etwas zu schwach …“. Und nun die kalte Dusche: Wachstumsstagnation im 2. Quartal 2015.

Die Regierung verbreitet weiterhin Optimismus. Finanzminister Michel Sapin spricht sogar von „Aktivitätszunahme“ und „Wachstumsaufschwung“. Auf jeden Fall bleibt es bei der ursprünglichen Prognose von 1% BIP für das gesamte Jahr 2015.

Die Panne im 2. Quartal heizt die alten Diskussionen zwischen den Anhängern der Angebots- und denen der Nachfragepolitik wieder an. Bereits Ende Juli hatte das Nationalbüro der Sozialistischen Partei mit großer Mehrheit eine Umkehr der eingeschlagenen Regierungspolitik zugunsten der Privathaushalte und eine Begrenzung der versprochenen Minderungen bei den Unternehmensbelastungen gefordert. Die Regierung erteilte diesem Richtungswechsel eine kategorische Absage. Dabei muss es unbedingt bleiben, wenn auch der Druck aus dem eigenen Lager noch ansteigen wird und die Versuchung nach kurzfristigen Erfolgen, die sicherlich durch Konsumunterstützungsmaßnahmen relativ leicht zu erreichen wären, anhält.

Kleine Lichtblicke lassen sich auf dem Arbeitsmarkt erkennen, wo im 2. Quartal erstmalig seit langer Zeit ein Anstieg von Neueinstellungen (27.000) zu verzeichnen war. Damit ist leider noch kein Rückgang der hohen Arbeitslosenzahlen zu erreichen; bei einem so schwachen Wachstum aber auch ausgeschlossen.

Hier besteht jedoch weiterhin das Problem der viel zu hohen „Arbeitskosten“ („coût du travail“), wobei nicht die Lohnkosten, sondern die immensen Sozialabgaben – Frankreich ist mit einem durchschnittlichen Arbeitgeberanteil von ca. 45% absoluter Spitzenreiter – besonders zu Buche schlagen. Hingegen hat die seit 2013 bestehende Steuergutschrift („CICE“), die aber nur temporär gewährt wird, eine beachtliche Margenverbesserung gebracht. Dies ist jedoch nicht ausreichend. Weitere Reduzierungen der Sozialabgaben würden aber unweigerlich zu einer Konfrontation mit dem Sozialmodell Frankreichs führen, da Abgabensenkungen zwangsläufig eine Verringerung der Sozialleistungen zur Folge hätten.

Nachdem im 2. Quartal 2015 sich die Warenproduktion gegenüber dem Vorquartal verlangsamte, d.h. die Unternehmen stark von ihren aufgebauten Vorratsbeständen profitierten, sind sie nunmehr verpflichtet, die Produktion wieder hochzufahren. Bei weiterem Fortbestehen der guten ökonomischen Rahmenbedingungen (Ölpreis, Dollarparität, Zinshöhe) und den nationalen Investitionsanreizen (z.B. zusätzliche Sonderabschreibung) müssten die Aussichten für einen Wachstumsschub in den kommenden Monaten günstig sein.

Dabei ist jedoch Voraussetzung, dass das Vertrauen in die Zukunft bei den Unternehmen gestärkt wird. Ein Zickzackkurs oder sogar eine Kehrtwende der eingeschlagenen Unternehmenspolitik wäre fatal.

Wir wünschen Ihnen eine angenehme Lektüre und einige Anregungen für Ihre Tagesarbeit.
Ihre DiagnosticNews-Redaktion