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Editorial: Eine vorläufige Bilanz zum Jahresende 2020

Dez 2, 2020 | DiagnosticNews, Editorial

Es ist Zeit, eine vorläufige Bilanz von Covid-19 zu ziehen. Seit März leben wir nun schon unter der ständigen Angst, am eigenen Leib von dem teuflischen Virus befallen zu werden. Unzählige menschliche Dramen wurden ausgelöst – Frankreich beklagte Ende November ca. 50.000 Todesopfer. Aber gehen wir der Reihe nach vor und beginnen wir mit dem sanitären Teil von Covid-19. 

Das Land hatte einen schlechten Start und war zunächst völlig überfordert, über die rasant steigenden Infektionszahlen und die damit verbundenen Krankenhauseinlieferungen Herr zu werden. Das zeigte sich dramatisch an einem eklatanten Mangel an Intensivbetten. Hinzu kamen Systemfehler, die insbesondere bei der Abstimmung und Zusammenarbeit zwischen den staatlichen und öffentlichen Krankenhausorganisatoren hervortraten. Die Regierung reagierte mit einem totalen Lockdown, der über die wirtschaftlichen Aktivitäten und die Privatsphäre verhängt wurde. Die berufliche Tätigkeit kam in wesentlichen Bereichen zum Stillstand. Die Mobilität des Einzelnen wurde auf das strikte Minimum beschränkt. Die Auswirkungen in wirtschaftlicher und finanzieller Sicht waren verheerend. 

Die drastischen persönlichen Kontakteinschränkungen sowie die sommerliche Jahreszeit zeigten ihre positiven Auswirkungen. Der Lockdown konnte aufgehoben werden, aber einige Restriktionen, insbesondere öffentliche Versammlungen und Veranstaltungen blieben weiterhin verboten. 

Das Covid-19 ebbte ab, aber urplötzliche schnellten die Infektionen im Herbst wieder in die Höhe. In der Zwischenzeit hatte Frankreich mit einem gewaltigen Testprogramm und der Zurverfügungstellung von ausreichenden Masken agiert. Die immer weiter, ins uferlose steigenden Zahlen – mehr als 50.000 Infektionen an einem Tag – ließen der Regierung keine Wahl. Zunächst wurde eine Ausgangssperre ab 21 Uhr und danach ein neuer Lockdown über die Privathaushalte mit lediglich einem Anspruch auf einen einstündigen Spaziergang pro Tag verhängt. Dazu kam eine totale Schließung der Gaststätten und Bareinrichtungen. Ladengeschäfte durften nur öffnen, soweit sie dringend für den täglichen Lebensbedarf erforderlich waren. 

Das Berufswesen, die industriellen und gewerblichen Tätigkeiten blieben von den Restriktionen weitgehend unberührt. Die Exekutive hatte aus der ersten Welle der Pandemie gelernt. Ein erneuter Stillstand der Wirtschaft war ökonomisch und finanziell nicht mehr zu verkraften. 

Die hohen Infektionszahlen gingen allmählich zurück. Der französische medizinische Krisenstab geht nun davon aus, dass der Höhepunkt mit größter Wahrscheinlichkeit überschritten ist. Staatspräsident Macron kündigte deshalb in seiner offiziellen Fernsehansprache am 24. November zwar keine generellen, aber doch einige Auflockerungen des privaten Ausgehverbots an. Alle Ladengeschäfte dürfen seit dem 28. November unter Einhaltung strikter Auflagen wieder öffnen. Der Mobilitätsradius der Privatpersonen wurde auf 20 km täglich ausgeweitet, und kulturelle Veranstaltungen mit beschränkter Personenzahl sind wieder gestattet. Die Öffnung der Gaststätten und Barbetriebe wurde hingegen bis zum 20. Januar 2021 verschoben.  

Der von Präsident Macron angeordnete Maßnahmenkatalog ist zwar weiterhin belastend, aber doch erträglicher geworden. Die großen Hoffnungen, die auf einem baldigen Einsatz eines wirksamen Impfstoffes liegen, erlauben einen leichten Optimismus für eine absehbare Beendigung des sanitären Teils der Covid-19-Krise. 

Aber wie sieht die finanzielle, ökonomische Bilanz aus? Erschreckend, nach den bisherig vorliegenden Zahlen. Milliardenbeträge wurden für Kurzarbeitszahlungen, Darlehensgewährungen, Umsatzentschädigungen, gezielte Soforthilfen etc. aufgewandt. Darüber hinaus wurden die Zahlungen für Steuern und Sozialversicherungsabgaben verschoben bzw. gestundet. Unzählige Maßnahmen wurden eingeleitet, um die Wirtschaftsbetriebe über Wasser zu halten und deren Fortbestand abzusichern. Ein riesiges Investitions- und Ankurbelungsprogramm wurde aufgelegt, um das gesamte Wirtschaftssystem zu beleben. Auf europäischer Ebene wurde ein einmaliger Solidaritätsfonds von 750 Mrd. € eingerichtet, der nach bestimmten Kriterien unter den Mitgliedsstaaten aufzuteilen ist. Das Zustandekommen dieses in der Geschichte der EU einzigartigen Hilfspakets ist ein besonderer Verdienst des deutsch-französischen Tandems. 

Die wirtschaftliche Aktivität Frankreichs für das Jahr 2020 wird aller Voraussicht nach einen bisher nie gekannten Rückgang von 11% des BIPs gegenüber 2019 zu verzeichnen haben und zu einem Haushaltsdefizit von 9% führen. 

Aber noch viel dramatischer ist der Anstieg des öffentlichen Schuldenberges. Die Schuldenquote wird sich Ende 2020 nicht weit weg von 120% des BIPs bewegen (Ende 2019: 100%). Leider wird auch in 2021 als Nachwirkung von Covid-19 eine weitere Erhöhung zu verzeichnen sein. 

Ein weiteres Sorgenkind ist die Arbeitslosigkeit. Im Augenblick können hierzu noch keine bezifferten Auswirkungen gegeben werden. Die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen und die erheblichen Kurzarbeitszahlungen erlauben bisher keine Aussage über den tatsächlichen Zustand der Unternehmen. Es ist jedoch unzweifelhaft, dass mit erheblichen Zusammenbrüchen und Sozialplänen zu rechnen ist. 

Auch für Staatspräsident Emmanuel Macron ist das Jahr 2020 bisher wenig positiv verlaufen. Seinem Ziel, die Wiederwahl in 2022 zu festigen, ist er kaum nähergekommen. Von dem großen Reformbetreiber und Strukturveränderer Frankreichs, den er bei Amtsantritt 2017 so hoffnungsvoll verkörperte, ist Ende 2020 nur wenig übriggeblieben. Der Visionär und hochintelligente Politiker musste zum kurzfristig agierenden Krisenmanager werden. Die Bewältigung von Covid-19 Teil 1 war für das Land, das über eines der besten Gesundheits- und Krankenversicherungssysteme verfügt, ein Desaster. Auch durch die Umbildung der Regierung, einschließlich des Premierministers, in den Sommermonaten konnte er keine Punkte einsammeln. Die erregten Diskussionen, die in heftigen Ausschreitungen gipfelten, die anlässlich eines neuen globalen Sicherheitsgesetzes in den letzten Tagen geführt werden, zeigen deutlich den derzeitig angeheizten politischen Unruhezustand des Landes. 

Alles in allem geht ein äußerst schwieriges und tristes Jahr zu Ende. Viel Leid kam unter die Menschen, aber auch noch viel mehr Leid wurde Kraft eines funktionierenden Staatsapparates vermieden. Der befürchtete Zusammenbruch des bestehenden Wirtschaftssystems trat nicht ein. Im Gegenteil, betrachtet man die sehr positive Entwicklung der Börse in den letzten Monaten als Gradmesser, so sollte von einem starken Wachstum in 2021 ausgegangen werden können. Darüber hinaus sollten die Aussichten auf den Einsatz eines baldigen Impfstoffes und – last but not least-  die neuen Perspektiven auf ein vertrauensvolleres Verhältnis zu Amerika zum Optimismus stimmen.

Bewahren wir uns also eine positive Grundeinstellung für die Zukunft. Nutzen wir die Vorweihnachtszeit dazu, etwas darüber nachzudenken. Ein frohes, glückliches Weihnachten im Kreise Ihrer Lieben wünscht Ihnen, 

Ihre Diagnostic News Redaktion

Dr. Kurt Schlotthauer 

kschlotthauer@coffra.fr

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