Editorial: Dunkle Wolken über dem französischen Arbeitsmarkt

Die Abwicklung des sanitären Teils von Covid-19 geht langsam ihrem Ende zu. Die Bevölkerung kann aufatmen und sich wieder frei bewegen. Das normale Arbeitsleben ist dabei – wenn auch noch teilweise recht zögerlich – sich wieder zu installieren. Gewaltige Geldmassen wurden und werden noch ausgegeben, um die Wirtschaft wieder ins Laufen zu bringen. Das bisherige Gesamtbudget für sämtliche Unterstützungsmaßnahmen, wie z.B. die großzügige Kurzarbeitsregelung, die gezielten Konjunkturhilfen an Schlüsselunternehmen (wie Luftfahrt, Automobilbranche, Tourismus, …), die staatlich garantierten Kredite an Unternehmen etc., beläuft sich auf 460 Mrd. € und ist wahrscheinlich immer noch nicht ausreichend. 

In der Zwischenzeit wurde das dritte modifizierte Haushaltsbudget für 2020 von der Regierung erstellt und ist nun vom Parlament zu verabschieden. Die neuen Zahlen sind erschütternd und geben einen Vorgeschmack auf die gewaltigen Anstrengungen, die in den nächsten Monaten und Jahren zu bewältigen sind, um die vor Beginn von Covid-19 bestehende Ausgangssituation wieder zu erreichen. 

Die französische Regierung geht für das Jahr 2020 von einem Rückgang des Wachstums von 11% aus, was einem Haushaltsdefizit von 11,4% im Verhältnis zum BIP entspricht. Die immer schon äußerst hohe staatliche Ausgabenquote von 55% wird sich damit auf beängstigende 63,6% erhöhen. Gleichzeitig wird aber auch der seit langer Zeit über den Maastricht-Kriterien liegende Schuldenberg dramatisch auf 121% des BIP anspringen.

Es ist von Glück zu sagen, dass die seit Jahren anhaltende, von der EZB verordnete Niedrigzinsperiode noch eine Weile bestehen bleiben wird. Trotzdem ist diese prekäre Finanzlage nur für eine zeitlich sehr begrenzte Periode und in der Hoffnung, dass das Wirtschaftswachstum schnell anspringt, akzeptierbar. 

Die erschreckendste Zahl, die Covid-19 Frankreich bescherte, ist jedoch die der Arbeitslosigkeit. Bereits für das erste Quartal 2020 war ein Anstieg von arbeitslosen Menschen von 500.000 zu verzeichnen. Diese Tendenz wird sich in den nächsten Monaten nochmals verstärken. Die Regierung und „Banque de France“ gehen bis Ende 2020 von weiteren 500.000 Arbeitslosen aus, woraus sich eine prozentuale Arbeitslosigkeit von 12,5% der aktiven Bevölkerung ergeben würde. Eine Trendwende wird erst für Mitte 2021 erwartet. 

Frankreich zählt damit – von Spanien einmal ganz abgesehen – zu den Spitzenreitern auf diesem Gebiet in der EU. Vergessen sind die seit 2015 und insbesondere mit Beginn der Regierungszeit von Macron unternommenen Anstrengungen, um dieses französische Übel auf Normalmaß zu drücken. Die Arbeitsrechtsreform von 2017/18 begann bereits einige positive Signale anzuzeigen, obwohl ein wichtiger Teilbereich, die Reform der Arbeitslosenversicherung, immer noch nicht abgeschlossen ist. Ende 2019 war immerhin der Stand von 8,1% Arbeitslosigkeit erreicht. Die von Präsident Macron für seine Amtsperiode angegebene Reduzierung auf 7% erschien wieder – trotz der nicht unerheblichen durch die Gelbwestenbewegung erlittenen Rückschläge – realisierbar. Einige Wirtschaftskommentatoren gehen nunmehr für den Zeitpunkt der nächsten Präsidentschaftswahlen (2022) von einer Arbeitslosigkeit von 10,6% der aktiven Bevölkerung aus. 

Der französische Staat hat bisher alles getan, um nicht noch größere Schäden in der heimischen Wirtschaft entstehen zu lassen. Der Einsatz noch weiterer staatlicher Mittel würde einen noch vertretbaren Rahmen übersteigen.

Viel wichtiger ist es nunmehr, das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen. Zum einen geht es darum, die bekannte Konsumfreude der Franzosen wieder zu erwecken – mehr als 100 Mrd. € wurden während der Corona-Krise in den Sparstrumpf gesteckt. Und zum anderen heißt es, den dritten Teil der Präsidentschaft von Emmanuel Macron zu einem positiven Abschluss zu bringen. Zuviel steht bei einem Scheitern auf dem Spiel. Die Bewältigung des sanitären Teils von Covid-19 kann leider nicht als Erfolg für die Regierung angesehen werden.

Wir wünschen Ihnen nunmehr einen schönen Sommer, mit etwas Zeit zum Abschalten und zum Besinnen. Im September werden wir Ihnen wieder in gewohnter Weise berichten. 

Bis dahin 

Ihre DiagnosticNews-Redaktion

Dr. Kurt Schlotthauer 

kschlotthauer@coffra.fr

Geschrieben von

Dr. Kurt Schlotthauer ist der Gründer und CEO von COFFRA. Seit 1972 engagiert er sich im deutsch-französischen Geschäftsumfeld. 1985 gründetet er COFFRA. Zusammen mit über 140 Mitarbeitern betreut die COFFRA heute mehr als 650 Unternehmen weltweit.