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Editorial: Die Nutzung der hohen Covid-19-Ersparnisse für eine Ankurbelung der Wirtschaft

Mrz 2, 2021 | DiagnosticNews, Editorial

Die nicht enden wollende Coronakrise hat zu einem erheblichen Konsumverzicht geführt. Die zwar konsum-, aber immer auch sehr sparfreudigen Franzosen haben mangels der gewohnten Ausgabemöglichkeiten ihre Bereitschaft, noch mehr auf die Seite zu legen, nochmals ganz wesentlich erhöht. Seit Beginn der Pandemie wurden laut einer Umfrage von „Opinion Way“ im Durchschnitt 276 € pro Monat von den Franzosen gespart. Nach den Schätzungen der Banque de France ergibt sich daraus für das Jahr 2020 ein zusätzliches Gesamtsparvolumen aller Privathaushalte von 130 Mrd. €. Dieser Betrag soll sich nach den ersten Hochrechnungen der Banque de France in 2021 nochmals um weitere 70 Mrd. € erhöhen. Damit hätte sich die Sparneigung der Franzosen in den beiden Jahren verdoppelt. 

Die französische Regierung würde gerne diese gewaltigen Geldmengen für eine zusätzliche Ankurbelung der Wirtschaft nutzen, wozu sie aus eigenen staatlichen Mitteln kaum mehr in der Lage ist. Zur bisherigen Bewältigung der Coronakrise ging der Staat an die Obergrenze seiner Finanzierungsmöglichkeiten. Der gigantische staatliche Schuldenberg beläuft sich nunmehr auf über 120% des Bruttosozialprodukts und wird auch in den Folgejahren nur langsam zurückgefahren werden können. Eine der wesentlichen Bedingungen hierfür ist, dass das Wirtschaftswachstum schnell, nachhaltig und mit hohen Raten wieder zu laufen beginnt. Es besteht also ein essenzielles Bedürfnis, die riesigen, privaten Sparvolumina umzuleiten und als Beschleunigungsmotor für das Anspringen der Wirtschaftsaktivitäten zu nutzen. 

Dies wurde bereits im August 2020 in einem Interview von Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Lemaire angemahnt. Dem Appel des Ministers wurde bisher nicht genügend Folge geleistet, wobei natürlich auch die Fortdauer der Coronakrise eine wichtige Rolle spielte. 

Auch im Januar 2021 hält es laut dem französischen Statistikamt INSEE die Mehrheit der Privathaushalte für angebracht, weiterhin hohe Sparrücklagen anzulegen. 

Die beiden wichtigsten Gründe für dieses Verhalten sind zum einen die weiter fortbestehenden mangelnden Ausgabemöglichkeiten während der Pandemie und zum anderen die Furcht vor der unsicheren näheren Zukunft. 

Die bekannte Konsumfreude der Franzosen wird sicherlich nach Beseitigung der zahlreichen bestehenden Restriktionen wieder zurückkommen. Ob dies aber auch ausreicht, die hohen Sparreserven erheblich oder sogar ganz abzubauen und damit den Wachstumsmotor auf Volldampf zu bringen, ist sehr fraglich. Dazu bedürfte es noch einer Reihe von flankierenden Maßnahmen steuerlicher Art. Auch ist dabei nicht nur an die Erhöhung der Nachfrage, sondern auch an die der Angebotsseite zu denken, was aber für Letztere nur mittelfristig zu positiven Auswirkungen führen würde. 

Die Grenzen eines wieder florierenden Konsums könnten jedoch bald durch die sich während der Pandemie festinstallierten Zukunftsängste vieler Haushalte erreicht werden. Noch sind die meisten Arbeitnehmer dank der hohen staatlichen Unterstützungsmaßnahmen zugunsten der Unternehmen finanziell ungeschoren davongekommen und auch nicht dauerhaft arbeitslos geworden.

Dieser Zustand kann nicht unendlich aufrechterhalten bleiben; eine Konkurs- und Entlassungswelle – welchen Ausmaßes auch immer – wird leider kommen. Die Befürchtungen für die Periode danach sind bei den Betroffenen geblieben, gerade dafür haben sie ja u.a. die Sparreserven angelegt. 

Hier heißt es nun, Vertrauen aufbauen, den Bürgern das Gefühl der Sicherheit und den Glauben an die Stärken des Staates glaubwürdig vermitteln. Eigentlich nur eine Fortsetzung der bisherigen massiven Unterstützungsmaßnahmen, aber trotzdem keine leichte Aufgabe. 

Die Art und Weise, wie der weitere Verlauf der Pandemie gemanagt wird, ist dabei ein entscheidender Faktor. Der Versuch, durch zusätzliche Steuerbelastungen an die angesparten Reserveposten heranzukommen, könnte fatale Signalwirkung auslösen. 

Es müssen also andere Wege gefunden werden, eine volkswirtschaftlich bessere Nutzung der brachliegenden Ersparnisse, die weitgehend auf unverzinslichen Bankkonten, auf dem klassischen Sparbuch (Livret A bei 0,5% Nettozins) oder auch im häuslichen Sparstrumpf liegen, zu bewerkstelligen. Hierzu bieten sich grundsätzlich die üblichen bestehenden Investmentfonds an. 

Von Seiten des Finanzministeriums wurde nunmehr in die gleiche Richtung gehend vor einigen Monaten eine Initiative „France Relance“ gestartet. Das Programm bietet Privatpersonen (aber auch professionellen Anlegern) an, ihre überschüssigen Ersparnisse in hierzu speziell ausgewählten Investmentfonds anzulegen, die in französische, weitgehend mittelständische Unternehmen zur Stärkung derer Kapitalausstattung investieren. 

Seit dem Start von „France Relance“ haben bereits 122 Investmentfonds das begehrte Gütezeichen „Relance“ erhalten. Den Privatsparern wird damit eine überschaubare, von staatlicher Seite überwachte, bestimmte Kriterien erfüllende Kapitalinvestition angeboten. Gleichzeitig wird aber auch durch dieses Programm einer Vielzahl von Unternehmen eine notwendige Kapitalspritze, um die Auswirkungen von Covid-19 besser überstehen zu können, gewährt. 

Es handelt sich in dem obigen Beispiel nur um eine von vielen möglichen Aktionen, um die Privatsparer von ihren unrentablen Anlagen (Sparbücher, Bankkonten etc. ) abzubringen und sinnvollere Investitionsformen vorzuschlagen. Es bleibt zu hoffen, dass die staatlichen Appelle an den Gemeinsinn, aber auch an die wirtschaftliche Vernunft ein Umdenken bei den privaten „Geldsammlern“ einkehren lassen. 

Wir wünschen Ihnen eine interessante Lektüre und dabei einige Anregungen für Ihr Tagesgeschäft. 

Ihre Diagnostic News Redaktion

Dr. Kurt Schlotthauer 

kschlotthauer@coffra.fr

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