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Editorial: Die Gefahr aus der hohen Verschuldung der französischen Unternehmen

Feb 1, 2021 | DiagnosticNews, Editorial

Die zahlenmäßigen Auswirkungen des im Rahmen von Covid-19 erfolgten, immensen staatlichen Hilfsprogramms sind nun weitgehend bekannt. Sie führten u.a. zu einem Haushaltsdefizit bisher unbekannten Ausmaßes: 180 Mrd. € in absoluten Zahlen. Als direkte Folge wurde auch der öffentliche Schuldenberg ganz besonders hart getroffen. Er stellt nun mehr als 120% des Bruttosozialproduktes dar und dies mit weiterhin steigenden Tendenzen. 

An eine schnelle Rückführung dieser beunruhigenden Situation ist derzeitig nicht zu denken, aber auch nicht geplant. Es wird nach dem Motto von Präsident Macron „koste es, was es wolle“ alles getan, um den Wirtschaftsmotor anzukurbeln bzw. am Laufen zu halten. Das oberste Ziel ist Wachstum. Und da die erhöhte Schuldenlast derzeitig zu keiner zusätzlichen Zinsbelastung führt, die Märkte bereitwillig die notwendigen Mittel, beinahe unbeschränkt, zur Verfügung stellen sowie die Maastricht-Kriterien vorübergehend außer Kraft gesetzt sind, kann sich dieses gefährliche Spiel noch einige Zeit fortsetzen. 

Aber wie sieht die Lage bei den französischen Unternehmen aus? Leider kaum besser. Laut Aussage des Internationalen Währungsfonds gehören sie zu den höchstverschuldeten in der Welt. Diese Situation verschärfte sich durch Covid-19 in 2020 nochmals erheblich und näherte sich zum vergangenen Jahresende einem absoluten Höchststand von 2.000 Mrd. €. Dazu trug auch maßgeblich der von der Regierung angebotene Rettungsschild in Form von staatlich verbürgten Bankdarlehen zu sehr günstigen Zinskonditionen mit einer Laufzeit von einem Jahr über ein Gesamtvolumen von 130 Mrd. € bei. Die Darlehen, deren Rückzahlung über maximal fünf Jahre verteilt ursprünglich nach einem Jahr vorgesehen war, soll nunmehr in Anbetracht der prekären sanitären Lage um ein Jahr verschoben werden. Leider ist auch diese Maßnahme nicht ausreichend, um den Unternehmen die notwendige Finanzkraft für die dringend benötigten Investitionen zu beschaffen. 

Es wird deshalb von Regierungsseite nach anderen Möglichkeiten gesucht, die in erster Linie zur Erhöhung des Eigenkapitals bei den betroffenen Unternehmen führen sollen. Dabei ist an die Gewährung von sogenannten „Beteiligungsdarlehen“ („prêt participatif“) gedacht, die rechtlich und bilanztechnisch als Quasi-Eigenmittel zu betrachten sind, die Unternehmen aber nicht verpflichten, die Kreditgeber am Gesellschaftskapital zu beteiligen. 

Diese Unterstützungsmaßnahme wurde bereits im Haushaltsgesetz 2021 verankert und entsprechende Finanzmittel hierfür vorgesehen. Die Regierung möchte damit die Bildung von Investmentfonds mit einem Volumen von ca. 20 Mrd. € fördern, die mit einer staatlichen Ausfallgarantie bis zu 35% ausgestattet sind. Um Investoren hierfür anzulocken, soll eine Verzinsung der Darlehen von 4 bis 5% angeboten werden. Die Banken haben sich bereits bereiterklärt, ein entsprechendes Projekt zu lancieren. 

Eine andere Maßnahme der Regierung, die zwar direkt keine Geldmittelzufuhr mit sich bringt, soll zu einem besseren Eigenkapitalausweis in den Bilanzen der Unternehmen beitragen. Dabei wird an die Möglichkeit einer Neubewertung des Aktivvermögens gedacht – eine Regelung, die schon immer in Frankreich bestand und die nunmehr, ohne sofortige Versteuerung der dem Eigenkapital zugeführten aufgedeckten Reserven, vorgenommen werden kann. Ein solcher Vorgang ist nicht völlig unproblematisch und die Erfolgschancen ungewiss. 

Darüber hinaus ist auch nicht sicher, wie weit die Banken und andere Investoren die Kreditfähigkeit des betroffenen Unternehmens entsprechend besser einschätzen. 

Die obigen Ausführungen zeigen das große Dilemma, in dem die französischen Gesellschaften – in erster Linie die mittleren und kleinen Betriebe – stecken. Ihre seit Jahren bestehende Finanzschwäche wurde durch das Coronavirus zu einer prekären Schräglage, die bisher nur durch umfangreiche finanzielle und andere Unterstützungsmaßnahmen sowie diverse Stillhalteabkommen überdeckt wurde und größere Zusammenbrüche verhinderte. Nur so ist der erstaunlich hohe Rückgang der Insolvenzen im Krisenjahr 2020 gegenüber dem Vorjahr zu erklären. Leider könnte es sich dabei aber nur um eine zeitliche Verschiebung handeln. Die eigentliche Konkurswelle würde damit noch ausstehen. 

Die finanzschwachen, mit Darlehensschulden am Leben gehaltenen Unternehmen stellen aber auch ein Problem für das so dringend notwendige Wachstum dar. Die bloße Bereitstellung von rückzahlungspflichtigen Finanzmitteln dürfte nicht ausreichend sein, um ihre Investitionsneigung besonders anzukurbeln. Es bedarf darüber hinaus einer großen Überzeugungsarbeit, ihr Vertrauen in die Zukunft zu gewinnen und die Basis für ein entsprechendes Wirtschaften zu begründen. Die Reduzierung der Produktionssteuern, vergleichbar der deutschen Gewerbesteuer, um 50% in 2021 und die weitere Rückführung des Körperschaftsteuersatzes auf 25% in 2022 sind geeignete und stimulierende Maßnahmen in diesem Sinne. 

Die Erholung der französischen Wirtschaft, die durch die vielen, immer wieder auftretenden Veränderungen im Ablauf der Covid-19-Krise noch einige Zeit auf sich warten lassen wird, bedarf finanzstärkerer und damit auch zukunftssicherer Unternehmen. Dies ist ein langwieriger Prozess, der Anstrengungen und Veränderungen in vielen Bereichen notwendig macht. 

Wir wünschen Ihnen eine angenehme Lektüre und einige Anregungen für Ihre Tagesarbeit. 

Ihre Diagnostic News Redaktion

Dr. Kurt Schlotthauer 

kschlotthauer@coffra.fr

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