Diagnostic News

Erfolg in Frankreich –
Informationen aus dem
französischen Wirtschaftsleben

Informiert jeden Monat aktuell.

  1. Home
  2.  | 
  3. DiagnosticNews
  4.  | Editorial: Die drastische Verschlechterung der französischen Handelsbilanz in 2021

Diagnostic News nach Themen sortiert:


Für Sie nach speziellen Steuer- und Rechtsthemen sortiert:

Diagnostic News Archiv


Alle Ausgaben von Diagnostic News zum Download als PDF

Diagnostic News

Editorial: Die drastische Verschlechterung der französischen Handelsbilanz in 2021

Mrz 3, 2022 | DiagnosticNews, Editorial

Die erfreulichen Meldungen von der ausgezeichneten Entwicklung des französischen Wirtschaftswachstums (+7%) und dem für hiesige Verhältnisse spektakulären Rückgang der Arbeitslosigkeit auf 7,4% der arbeitenden Bevölkerung werden getrübt durch den Rekordanstieg des Handelsbilanzdefizits im vergangenen Jahr. 

Auch eine Erhöhung des Ausfuhrvolumens um 17% (500 Mrd. €) konnte diese Misere nicht vermeiden, da die Importe, durch die hohen Energiepreise stark beeinflusst, noch mehr, und zwar um 18% (585 Mrd. €) stiegen. Eine Tendenz, die mittlerweile seit 20 Jahren anhält und sich ständig verschlechterte, erreichte ihren Höchststand. Damit wird Frankreich zum Schlusslicht in der EU. Die positive Entwicklung der Dienstleistungsbilanz, die einen Überschuss von 36 Mrd. € erwirtschaftete, kann diesen Effekt teilweise kompensieren. 

Gegenüber der Situation vor der Pandemie ist der Anteil an exportierten französischen Produktionsgütern innerhalb der EU-Zone weiter von 13,9% in 2019 auf 12,5% zurückgefallen. Für die Schwäche der französischen Exportwirtschaft gibt es eine Reihe von Gründen: Zunächst ist ganz generell im Vergleich zu anderen Staaten eine wesentlich geringere Ausrichtung auf eine aktive Exportpolitik festzustellen. Die Motivation zu exportieren gehörte lange Zeit nicht zur wesentlichen Priorität vieler Unternehmen. So verkaufen z.B. nur 136.000 französische Unternehmen ihre Waren ins Ausland gegenüber 220.000 in Italien und 300.000 in Deutschland.*

Ein weiteres Manko liegt in dem seit 40 Jahren zu verzeichnenden Rückgang der Industrie, deren Produkte, die in 1980 noch 24% des französischen BIPs ausmachten, in 2021 auf 13,5% fielen. Die französischen Großunternehmen haben in dieser Periode – teilweise viel mehr als ihre europäischen Konkurrenten – ihre Produktionsstätten ins Ausland verlagert, um ihre Wettbewerbsfähigkeit, die durch die hohen Arbeitskosten (Sozialabgaben, 35-Stundenwoche, rigides Arbeitsrecht) und Steuerbelastungen stark in Mitleidenschaft gezogen worden waren, zu halten. Damit gingen viele industrielle Arbeitsplätze verloren und gleichzeitig die Exporte an Industriegütern zurück, was sich entsprechend auf die Handelsbilanz niederschlug. Dieser Verlust wurde durch eine verbesserte Zahlungsbilanz, die auf der Rückführung der in den ausländischen Produktionsstätten erwirtschafteten Gewinnen beruhte, etwas abgemildert. Als ein Beispiel ist hier auf die französische Automobilindustrie zu verweisen, die in 2005 noch 3,5 Mio. Fahrzeuge im Inland produzierte, wohingegen in 2019 nur noch 2,2 Mio. zu verzeichnen waren. 

Die französische Regierung hat in den vergangenen Jahren viele Anstrengungen unternommen, um einerseits den Industrieunternehmen bei der Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit zu helfen und andererseits die Bedeutung einer nationalen, wachsenden, produzierenden Industrie für die Gesamtwirtschaft herausgehoben. Wichtige Schritte waren u.a. die Reduzierung der Sozialabgaben für niedrige Lohnempfänger, die Senkung der Körperschaftsteuer, die Reform bzw. die Fast-Abschaffung der Gewerbesteuer und insbesondere auch eine tiefgreifende Reform des sehr rigiden Arbeitsrechts. 

Trotz all dieser Bemühungen ist es aber bisher nicht gelungen, eine Umkehr der weiterhin bestehenden Tendenz zu erreichen. Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, dass die Mondialisierung, der große EU-Binnenmarkt und die starke chinesische Wirtschaftsmacht diesen Konkurrenzkampf noch erheblich verstärkt haben. 

Eine Verbesserung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit kann ja immer nur zu Lasten eines Dritten, der im gleichen Verhältnis schlechter werden muss, erreicht werden. Eine immer schwieriger werdende Herausforderung. 

Ein nicht unwesentlicher Beitrag für die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit könnte durch die Reduzierung der auf den Industriegütern liegenden hohen Steuerbelastung geleistet werden. 

Von dem namhaften, unabhängigen Think Tank „Institut Montaigne“ wurde im Februar 2022 eine vergleichende Studie für elf europäische Industrienationen hinsichtlich der Steuern und Abgaben, die bei der Produktion eines industriellen Wirtschaftsgutes in ihrem Land anfallen, durchgeführt. 

Vorauszuschicken ist, dass Frankreich – nach Dänemark – über die höchste staatliche Abgabenquote innerhalb der Europäischen Union verfügt. Sie stellte in 2020 47,5% des BIPs dar und liegt sechs Punkte höher als der Durchschnitt der EU. 

Der europäische Vergleich der obigen Studie zu den Produktionssteuern („impôts de production“) kommt zu einer ähnlichen Diskrepanz. Auch hier liegt Frankreich – hinter Schweden – weit vorne an der Spitze der verglichenen Länder. Die französischen Produktionssteuern stellen in 2020 5,3% des BIPs dar, gegenüber 2,6% als Durchschnitt der EU-Länder. In Deutschland liegt der Prozentsatz sogar nur bei 0,7%. In absoluten Zahlen ausgedrückt beläuft sich dieser Kostenblock, der den französischen Produktionsunternehmen auferlegt wird, auf 120 Mrd. € gegenüber nur 27 Mrd. € in Deutschland. 

Der gewaltige Unterschied zwischen beiden Ländern besteht im Wesentlichen darin, dass in Frankreich eine Vielzahl unterschiedlichster Steuern/Abgaben, die in Deutschland nicht bekannt sind, unter den Produktionssteuern erfasst werden. Sie fließen als gewinnunabhängige Kostensteuern, auf unterschiedlichsten Bemessungsgrundlagen errechnet, wie Lohn- und Gehaltssumme, Mehrwert des Unternehmens, Umsatz, Mietwert der eingesetzten Produktionsmittel und Grundvermögen, in ihre Produktionssteuern und erhöhen entsprechend die erzeugten Güterpreise. In Deutschland hingegen werden unter diesem Steuerkomplex lediglich die Grund- und Kraftfahrzeugsteuer erfasst. 

Eine signifikante und dauerhafte Senkung dieser Steuer als geeignetes Mittel, um die Wettbewerbsfähigkeit der französischen Unternehmen spürbar zu verbessern, wird deshalb auch eindringlichst vom französischen Unternehmerverband, aber auch von den wichtigsten Kandidaten bei der bevorstehenden Präsidentschaftswahl gefordert. 

Die derzeitige Regierung ist sich der großen Bedeutung eines wiedererstarkten französischen Industriestandorts bewusst. Sie hat klar erkannt, dass er eine wichtige Voraussetzung darstellt, um eine weitere Verbesserung am Arbeitsmarkt, ein ständiges Wachstum und die dringend notwendige Staatsentschuldung zu erreichen. 

Wir wünschen Ihnen eine angenehme Lektüre, aber auch viel Weitsicht und Festigkeit angesichts der dramatischen Lage in der Ukraine. 

Ihre DiagnosticNews-Redaktion

Dr. Kurt Schlotthauer 

kschlotthauer@coffra.fr

Diagnostic News nach Themen sortiert:


Für Sie nach speziellen Steuer- und Rechtsthemen sortiert:

Diagnostic News Archiv


Alle Ausgaben von Diagnostic News zum Download als PDF