Editorial: Der tiefe Graben zwischen der wirtschaftlichen Realität und dem politisch-sozialen Klima in Frankreich

Am 20. Januar 2020 war es wieder soweit. Zum dritten Mal in Folge empfing Präsident Macron 200 Unternehmenschefs, Vertreter von einigen der wichtigsten internationalen Industriegruppen, um ihnen die Attraktivität des Investitionsstandortes Frankreich wiederum erfolgreich unter Beweis zu stellen. Die Ankündigungen der geplanten Investitionsvorhaben der Eingeladenen lassen an dem Fortbestand der Anziehungskraft Frankreichs für ausländische Unternehmen keine Zweifel aufkommen. Laut dem Generaldirektor Christophe Lecourtier von Business France, der Organisation, die für die Attraktivität Frankreichs u.a. verantwortlich zeichnet, sind auch deutsche Großinvestitionen z.B. von Mercedes in Hambach und SAP vorgesehen. Die Attraktivität Frankreichs für ausländische Unternehmen wurde auch gerade durch eine mit französischen Teilnehmern durchgeführte Umfrage, die diese zu 53% bejahten, bestätigt. 

2019 war ein Rekordjahr für Unternehmensgründungen. So wurden insgesamt 815.000 neue Firmen geschaffen, wobei insbesondere der Gang in die Selbständigkeit von Jugendlichen mit 386.000 neu gegründeten Mikrounternehmen besonders herauszustellen ist. 

Nicht unerwähnt bleiben darf in diesem Zusammenhang, dass Frankreich mit einem Anstieg von 1,2% seines Bruttosozialprodukts in 2019 zu den Wachstumstreibern in der EU gehört. 

Zu den ganz großen Überraschungen des abgelaufenen Jahres zählt der Rückgang der Arbeitslosigkeit in 2019. Die Zahl der in der Kategorie A der Arbeitslosenstatistik erfassten Personen verringert sich damit um 120.000, was seit 2008 nicht mehr der Fall war. Davon betreffen allein 63.000 das letzte Quartal 2019. Die absolute Zahl der Arbeitssuchenden beläuft sich nunmehr auf 3,55 Millionen. Der Prozentsatz der Arbeitslosigkeit an der arbeitenden Bevölkerung fällt damit auf 8,4% und erreicht wieder den Stand von 2008. Das von Präsident Macron zu Beginn seiner Amtszeit anvisierte Ziel von 7%, das zwischenzeitlich in weite Ferne rückte, erscheint erreichbar. 

Aber wie ist diese doch eigentlich nicht allzu schlechte wirtschaftliche Bestandsaufnahme von Frankreich mit dem derzeitig dominierenden sozialen politischen Unruhezustand in Einklang zu bringen?

Erklärend ist hierzu zunächst anzufügen, dass diese positiven Elemente von der Bevölkerung nicht richtig wahrgenommen oder zumindest nicht positiv den Aktionen des Präsidenten zugeschrieben werden. Dies ist das Ergebnis einer Mitte Januar 2020 durchgeführten Untersuchung des Instituts Viovoice. Danach glauben sechs von zehn befragten Franzosen nicht an die Wirkungskraft der von der Regierung verfolgten Politik bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Nur 30% der Bevölkerung also sehen in den durch die Arbeitsrechtsreform erreichten Maßnahmen, wie Belebung des Arbeitsmarktes, Änderung der Einstellungspolitik bei den Arbeitgebern, Schaffung neuer Arbeitsposten etc. einen direkten Einfluss auf die Arbeitslosenzahlen. 

Als weiteres wichtiges Schlüsselereignis ist nochmals auf die bereits mehrmals an dieser Stelle erwähnte heftige Debatte um die Rentenreform hinzuweisen. Der mehr als 40 Tage andauernde Sozialkonflikt, der weitgehend das gesamte Transportsystem des Landes lahmlegte, zeigte wieder einmal die äußerst negative Verhaltensweise der Bevölkerung gegenüber der Regierung. 

Sicherlich geht es bei der Rentenreform um ein hochsensibles Thema, bei dem einige Gruppen, insbesondere die der Eisenbahner, nicht auf ihre Privilegien verzichten möchten. Gleichzeitig ist aber auch herauszustellen, dass bei der gesamten Bewältigung des komplexen Problemkreises von Seiten der Regierung einige gravierende professionelle Fehler begangen wurden. 

Aber es steht auch außer Zweifel, und dies für den überwiegenden Teil der Bevölkerung, dass eine Rentenreform überfällig ist, um die Finanzierbarkeit der Rente auf Dauer zu sichern. Bei den heutigen hohen Lebenserwartungen der Menschen kommt dafür nur eine Anhebung der Länge des Arbeitslebens in Betracht, nachdem eine weitere Erhöhung der bereits hohen Rentenbeiträge ausgeschieden ist. Beinahe eine Binsenweisheit. Trotzdem sympathisierte bis zum Schluss eine Mehrheit der Bevölkerung mit der Streikbewegung. Die ab Februar im Parlament endlich stattfindenden Diskussionen über das Rentenreformpaket stehen unter keinen günstigen Voraussetzungen.

Frankreich steht im Augenblick alles in allem mit Ausnahme seiner hohen Verschuldung wirtschaftlich besser da als sein Image. Einige der durchgeführten Reformen, insbesondere die des Arbeitsrechts zeigen bereits sichtbare Erfolge. Dies wird aber der Regierung und Präsident Macron von der Bevölkerung nicht zugute geschrieben. Der durch die Gelbwesten ausgelöste „Permanentkonflikt“, der dabei war, sich langsam aufzulösen, wurde durch die Streikbewegung rund um die Rentenreform wieder entfacht und verschärft. Die direkte Konfrontation mit dem Präsidenten und die Ablehnung seiner Person sowie insbesondere die seines Regierungsstils werden die Durchführung der noch ausstehenden Reformvorhaben nicht erleichtern. 

Wir werden Sie weiter informieren und wünschen viel Spaß bei der Lektüre 

Ihre DiagnosticNews-Redaktion

Dr. Kurt Schlotthauer

kschlotthauer@coffra.fr

Geschrieben von

Dr. Kurt Schlotthauer ist der Gründer und CEO von COFFRA. Seit 1972 engagiert er sich im deutsch-französischen Geschäftsumfeld. 1985 gründetet er COFFRA. Zusammen mit über 140 Mitarbeitern betreut die COFFRA heute mehr als 650 Unternehmen weltweit.