Editorial – Der schreckliche Monat August – Die neue Regierungsmannschaft muss es bringen

Lieber Leser,

nicht nur klimatisch, auch wirtschaftlich war es ein trister Sommer. Die Hiobsbotschaften im Monat August wollten nicht abreißen: Das zweite Quartal 2014 musste wiederum ein Nullwachstum verzeichnen, nachdem es bereits in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres stagniert hatte – und für das zweite Halbjahr sind die Aussichten leider auch nicht viel besser. Die Arbeitslosenzahlen des Augusts sind infolge ebenfalls gestiegen – seit dem Regierungsantritt von François Hollande sind weitere 500.000 Arbeitslose hinzugekommen. Frankreich steckt in einer tiefen Krise.

Die Prognosen für 2014 und 2015 sind völlig zu überarbeiten. Das Haushaltsdefizit für 2014 ist wiederum zu korrigieren und dürfte höchstwahrscheinlich über 4% liegen. Viel schlimmer jedoch ist, dass das Ziel für 2015 – hier sollte endlich nach einer bereits einmal eingeräumten Zweijahresverlängerungsfrist die Maastricht-Grenze von 3% erreicht werden – offiziell aufgegeben wurde. Ein erheblicher Gesichtsverlust für die derzeitige Regierung – nach den vielen bisherigen anders lautenden Beteuerungen. Die französische Exekutive muss wieder einmal den Canossa-Gang nach Brüssel antreten.

Und nun noch die offene Kritik des Wirtschaftsministers an dem Kurs seiner eigenen Regierung. Die Desavouierung konnte nicht akzeptiert werden – der Premierminister gab auch prompt den geschlossenen Rücktritt seiner Mannschaft bekannt. Zwei Tage später bereits, nach Austausch der „Nörgler“, war eine neue Regierung gebildet. Der Vorgang hat viel Staub aufgewirbelt und nochmals gezeigt, wie schwer es für den Staatspräsidenten selbst in den eigenen Reihen ist, seinen neuen Kurs auf die Schiene zu bekommen.

Die vielen, leider viel zu vielen Reformankündigungen der letzten Monate müssen endlich – eine nach der anderen – angepackt und konsequent umgesetzt werden. Der eingeleitete Prozess, die Abkehr von einer Nachfrage- zu einer Angebotspolitik, muss konsequent eingehalten und unter Beachtung aller Folgen hieraus durchgeführt werden. Die Innovationskraft der Unternehmen, die nur mit erheblichen Investitionen von diesen erreicht werden kann, muss gefördert werden, um die notwendige Wettbewerbsfähigkeit zu erreichen. Hier muss der Staat das entsprechende Umfeld schaffen: durch eine gemäßigtere Fiskalpolitik, durch eine Auflockerung des rigiden, teilweise stupiden und keine neuen Arbeitsplätze schaffenden Arbeitsrechts, durch Vereinfachung der vielen Verwaltungsvorschriften etc. Ein entscheidender, wenn nicht der entscheidende Faktor ist, das Vertrauen der Unternehmer zurückzugewinnen und ihnen eine Planungssicherheit für ihre Entscheidungen zu geben.

Die Neuformierung der Regierungsmannschaft gibt Mut zur Hoffnung, dass es Staatspräsident und Premierminister sehr ernst nehmen bei der Umsetzung und Beibehaltung des neuen Kurses. Auch der neue Wirtschaftsminister, Emmanuel Macron, ein 37-jähriger, wenig doktrinärer Wirtschafts- und Finanzspezialist steht für eine unternehmensfreundliche Angebotspolitik. Ein langer Leidensweg steht der französischen Wirtschaftspolitik noch bevor – das Dilemma der hohen Arbeitslosigkeit wird sich nur langfristig lösen lassen.

Wir wünschen eine angenehme Lektüre

Ihre DiagnosticNews-Redaktion

Dr. Kurt Schlotthauer

kschlotthauer@coffra.fr

Geschrieben von

Dr. Kurt Schlotthauer ist der Gründer und CEO von COFFRA. Seit 1972 engagiert er sich im deutsch-französischen Geschäftsumfeld. 1985 gründetet er COFFRA. Zusammen mit über 140 Mitarbeitern betreut die COFFRA heute mehr als 650 Unternehmen weltweit.