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Ein äußerst komplexes Jahr ist zu Ende gegangen. Gesamtwirtschaftlich war es für Frankreich wenig erfolgreich. Das Wachstum für 2016 wird nur bei 1,2% liegen, das Budgetdefizit wird weiterhin die Maastrichtgrenze nicht einhalten und der stetige Schuldenanstieg wird die Staatsverschuldung bedenklich nahe an die Höhe des jährlichen Bruttosozialproduktes heranführen.

Eine erfreuliche Nachricht kommt von der Arbeitslosenseite: zum dritten Male in Folge ein Rückgang und 100.000 Arbeitssuchende weniger als Anfang 2016. Jedoch seit dem Beginn der Regierungszeit der Sozialisten in 2012 ist ein Anstieg von mehr als 500.000 Arbeitslosen zu verzeichnen.

Unter dem Druck seiner „Parteifreunde“ und dem Risiko, bei den „Primaires“ der Linken durchzufallen, sah sich François Hollande gezwungen, auf eine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl im April 2017 zu verzichten.

Eine Vielzahl von Kandidaten hat sich für die Mitte Januar 2017 stattfindenden Vorwahlen angemeldet. Auch der zurückgetretene Ministerpräsident Valls befindet sich unter den Anwärtern. Das Rennen ist offen; es bleibt zu bezweifeln, dass ein starker, das sozialistische Lager vereinende Kandidat hieraus hervorgehen wird.

Die noch vor einigen Monaten für unwahrscheinlich angesehene Wahl von Marine Le Pen als französische Staatspräsidentin ist mittlerweile in den Bereich einer ernstzunehmenden Alternative gerückt. Würde die Chefin der französischen Rechtsradikalen in die Stichwahl des zweiten Wahlganges gelangen, so wäre sie nicht mehr, wie ihr Vater in 2002, „persona non grata“ und durchaus auch von anderen Parteianhängern wählbar.

Noch gilt nach Umfragen der mit einer überwältigenden Mehrheit gewählte Präsidentschaftskandidat der Konservativen, François Fillon, als einer der Favoriten für das höchste Staatsamt. Vor übereilten Siegesprognosen ist jedoch zu warnen: Einen Vorgeschmack lieferten die heftigen Attacken auf seine Krankenversicherungsreform. Das teilweise aggressive und die geplanten Änderungen sehr offen darlegende Programm von François Fillon wird noch vielen populistischen und die Wahrheit verfälschenden Attacken ausgesetzt sein. Hier muss der Kandidat Standfestigkeit beweisen und noch viel Überzeugungsarbeit leisten.

In der Zwischenzeit gibt es einen neuen Star: Emmanuel Macron, den 39-jährigen, ehemaligen Wirtschaftsminister. Wird es ihm gelingen, seinen spektakulären Aufstieg fortzusetzen? Reichen sein jugendlicher Elan, seine geistige Brillanz, seine unbekümmerte Newcomer-Rolle aus, um die Unerfahrenheit im politischen Tagesgeschäft und die fehlende Parteiunterstützung auszugleichen?

Die französische Präsidentschaftswahl 2017 ist von schicksalhafter Bedeutung. Die Person des zu wählenden Präsidenten, die von ihm vertretene Richtung, seine Durchsetzungskraft sind von ausschlagender Bedeutung für eine grundlegende Erneuerung Frankreichs und die Anpassung an die globalen Veränderungen.

Die nächsten Wochen werden zeigen, ob Sachargumente und wirtschaftliche Zwänge sich gegenüber populistischen Parolen und irrationalen Träumen von vielen Enttäuschten durchsetzen können.

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Ihre DiagnosticNews-Redaktion