Die Deutschen sind oft arrogant

Coffra begleitet Mittelständler auf den französischen Markt. Dort lauern ungeahnte Fallstricke.

Szene aus dem Mittelstand im deutsch-französischen Wirtschaftsleben: Da kommt ein erfolgreicher Unternehmensgründer aus Baden-Württemberg im Privatjet nach Frankreich geflogen. Seine Gesellschaft mit vielleicht 5000 Mitarbeitern ist schon bis nach Asien expandiert, und so sollte die Eroberung des Nachbarlandes doch ein Kinderspiel sein, denkt der Firmenchef. In Frankreich trifft der Deutsche auf den Abgänger einer Grande Ecole, einer jener Eliteschulen, die Frankreichs moderne Aristokratie ausbildet. Bis zum Äußersten hat der Franzose das analytische Denken gelernt, ist mit Allgemeinbildung vollgestopft und zieht es gewöhnlich vor, mit seinesgleichen zu verkehren anstatt mit dem gewöhnlichen Volk. Der deutsche Unternehmer dagegen ist ein Autodidakt, im Selbstbewusstsein kaum zu übertreffen, er hat keine Komplexe, dass er womöglich die Unterschiede zwischen Beethoven und Wagner nur rudimentär kennt. Auch dass ein Rotwein von Rothschild etwas Besonderes ist, hat er allenfalls vage in Erinnerung. Wenn man Glück hat, akzeptiert der Deutsche ein richtiges Mittagessen, anstatt nur Sandwiches kommen zu lassen, doch schon gleich bei der Vorspeise schneidet er heikle Themen wie Personalfragen an. Das Urteil des Franzosen ist da schnell gefällt: „Welch ein Banause, welch ein Barbar!“

Geographisch so nah, in der Wirtschaftskultur aber doch so fern – so erlebt der Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Kurt Schlotthauer häufig das Zusammentreffen des deutschen und des französischen Mittelstandes. Zwischen diesen Welten zu vermitteln, hat sich der Gründer und Chef der deutsch-französischen Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft Coffra zur Lebensaufgabe gemacht. Coffra begleitet deutsche Mittelständler, wenn sie in Frankreich eine Niederlassung eröffnen oder eine französische Firma übernehmen. Die Fallstricke sind zahlreich und führen nach Schätzung von Schlotthauer dazu, dass in Frankreich rund 50 Prozent aller Aufkäufe durch deutsche Mittelständler nicht den gewünschten Erfolg bringen. Dabei sind sich die deutschen Unternehmen oft selbst ihre ärgsten Feinde. „Früher waren die Kenntnisse über Frankreich oft gleich null. Heute weiß man vieles immer noch nicht. Hinzu kommt nicht selten eine völlig unangebrachte Arroganz anstelle von Einfühlungsvermögen und Geduld“, sagt Schlotthauer. Wenige kennen das Wirtschaftsleben aus der Sicht des Mittelstandes im deutsch-französischen Grenzverkehr besser als er. Seit der heute 68 Jahre alte Schlotthauer in den sechziger Jahren während der Ausbildung zum Juristen seine Wahlstation in Lyon absolvierte, hat ihn Frankreich nicht mehr losgelassen. 1985 gründete er in Paris nach mehreren Jahren des Angestelltendaseins seine eigene Gesellschaft und hat sie bis heute auf einen Mittelständler mit 140 Mitarbeitern ausgebaut, darunter 120 Wirtschaftsprüfer, Steuerberater, Anwälte, Ingenieure und Informatiker.

Wer so wie er täglich die Wirtschaft an der Graswurzel erlebt, der kann schnell mit einigen Vorurteilen aufräumen. Frankreich sei bürokratisch? „Heute kann eine Gesellschaft in einer Woche gegründet werden, einschließlich der Hinterlegung des Gesellschaftsvertrages, der Eintragung im Handelsregister und der Anmeldung bei der Steuerverwaltung.“ Frankreich sei umständlich? „Das Land hat beispielsweise die Notarpflicht stark abgebaut. Privatwirtschaftliche Verträge reichen für Gesellschaftsverträge, für die Übertragung von Anteilen oder für Hauptversammlungen aus.“ Frankreich sei unternehmerfeindlich? „Die Einführung der Rechtsform der kleinen Aktiengesellschaft SAS hat die Dinge sehr erleichtert. Die Einführung der Ein-Mann-Gesellschaft erfolgte zudem schon vor langer Zeit. Bei solchen Themen braucht Deutschland oft viel länger.“ Auch die Bilanzrichtlinien seien früher als beim deutschen Nachbarn internationalen Standards angepasst worden.

Und dennoch geht vieles in Frankreich nicht von alleine. Mancher Deutsche glaube, mit „Hauruck-Englisch“ sei es getan – eine Fehleinschätzung, wie Schlotthauer berichtet, denn nur in Großunternehmen sei Englisch heute verbreitet. Auch sei die Einhaltung der Form oft wichtiger als der Inhalt, was etwa bei Fristen für Kündigungen missachtet werde. Der Ausgang von Steuerprüfungen sei meistens schwer vorherzusagen. Es gebe zwar mehr Anweisungen der Finanzbehörden als in Deutschland, „doch viele werden nicht eingehalten“, sagt Schlotthauer. Zu 40 Prozent der Gesetze gebe es keine Durchführungsverordnungen. „Vieles wird gar nicht umgesetzt.“ Andererseits zu meinen, dass „in Frankreich alles geduldet“ werde, sei falsch, weil die Verwaltung „kolossal stark“ sei, „ob in der Justizverwaltung, die manchmal sehr hart mit den Bürgern umspringt, oder in der Finanzverwaltung, die über weit mehr Mittel verfügt als in Deutschland“.

2,9 Millionen Unternehmen gibt es in Frankreich. Das klingt beeindruckend, ist jedoch irreführend, weil fast 92 Prozent aller Unternehmen weniger als 10 Mitarbeiter haben. Was ungefähr dem deutschen Mittelstand entspricht, ist westlich des Rheins dünn gesät: Nach Ermittlung des Statistikamtes Insee haben nur rund 7600 Unternehmen mehr als 200 Mitarbeiter; in Deutschland dagegen haben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes fast 11 000 Unternehmen mehr als 250 Beschäftigte. Daher arbeitet Coffra meist für deutsche Mittelständler, die in Frankreich expandieren wollen. Umgekehrt findet die Gesellschaft nur selten französische Kunden, die nach Deutschland streben, weil sie oft zu finanzschwach und kulturell zu wenig ins Ausland orientiert seien.

Coffra bietet neben der Wirtschaftsprüfung und der Steuerberatung auch die IT-Beratung bei der SAP-Integration, das Outsourcing von Verwaltungsarbeiten, das Interimsmanagement und die Rechtsberatung an.. Aufgrund dieser breiten Aufstellung sieht sich das Unternehmen in seinem Kundenbereich der Mittelständler, die oft noch in Familienbesitz sind, als Marktführer.

Wenn Deutsche in Frankreich scheitern, dann meistens, weil sie den Markt unterschätzen. Einem französischen Verkäufer eines Unternehmens nur viel Geld zu bieten, reiche nicht. Man müsse ihm das Gefühl geben, ihn zu verstehen, sein Lebenswerk zu schätzen, und man solle die führenden Mitarbeiter in die Konzernstrukturen bis nach Deutschland einbinden. Selbst bei der IT-Integration sei es wichtig, den Franzosen nicht nur den Eindruck zu vermitteln, dass der Finanzchef nun per Knopfdruck alle Informationen abrufe und sie jede Eigenständigkeit verloren hätten. Es müsse gründlich erklärt werden, warum ein gemeinsames IT-System alle Unternehmensbereiche voranbringe. Die Überheblichkeit mancher Deutscher, die ihre Volkswirtschaft als Export- und als Reformweltmeister sehen, führe dagegen häufig zum Scheitern, berichtet Schlotthauer. „Die Deutschen lieben an Frankreich all das, was sie nicht haben, etwa ein gewisses Savoir-vivre und eine höhere Lebensqualität. Doch die Franzosen wollen vor allem als erfolgreiche Unternehmer anerkannt werden. Damit aber haben die Deutschen gewisse Schwierigkeiten. Unsere Aufgabe ist es, über diese Gräben hinweg zu vermitteln.“ CHRISTIAN SCHUBERT

In der FAZ erschienen am 3.11.2008

Geschrieben von

Dr. Kurt Schlotthauer ist der Gründer und CEO von COFFRA. Seit 1972 engagiert er sich im deutsch-französischen Geschäftsumfeld. 1985 gründetet er COFFRA. Zusammen mit über 140 Mitarbeitern betreut die COFFRA heute mehr als 650 Unternehmen weltweit.

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