Die Abschaffung der französischen Eliteschule „ENA“

Eine sehr delikate Aufgabe

Die Gelbwestenbewegung hatte das Ende der „Ecole Nationale d’Administration“, der Kaderschmiede für die französische Elite, insbesondere für die höchsten Posten in der Verwaltung, lautstark gefordert. Präsident Macron gab diesem Wunsch im Rahmen einer Pressekonferenz am 25. April 2019 nach. Die „ENA“ entspricht nicht mehr der Gesellschaft, in der wir leben, begründete Emmanuel Macron seine Entscheidung. 

Damit soll eine von General de Gaulle kurz nach Kriegsende in 1945 gegründete historische Institution, die u.a. zur Ausbildung der höchsten französischen Würdenträger maßgebend beitrug – jeder zweite französische Staatspräsident ist aus der „ENA“ hervorgegangen -, zu Grabe getragen werden. Die ersten Jahrgangsbesten („botte“) der „ENA“ wurden bisher automatisch in die höchsten Staatsstellen („Grand Corps d’Etat“) wie die „Inspection Générale des Finances“ oder „Conseil d’Etat“ aufgenommen. Die „ENA“ und ihre Abgänger wurden von vielen Teilen der Bevölkerung als Bestandteil eines überalterten, nicht mehr zeitgemäßen, aber insbesondere als ein sozial ungerechtes Ausbildungssystem betrachtet. Trotz vieler Bemühungen, eine größere Demokratisierung bei der Auswahl der Schüler zu erreichen, veränderte sich deren Zusammensetzung in den Jahren 1983 bis 2009 nur wenig. Nach einer in 2015 durchgeführten Untersuchung stammen weiterhin 70% der Schulabgänger aus Kreisen der oberen Bevölkerungsschicht. 

Emmanuel Macron beauftragte einen ehemaligen „ENA“-Absolventen, Frédéric Thiriez, Lösungsvorschläge für die Abschaffung / Umgestaltung der „ENA“ auszuarbeiten. Eine anscheinend äußerst schwierige und delikate Aufgabe. Der im November 2019 ausgelieferte Bericht fand keine Zustimmung beim Premierminister. Ein zweites, erweitertes Gutachten wird für Januar 2020 erwartet. 

Das Projekt der Abschaffung der „ENA“ ist weiterhin unklar und komplex. Es geht nicht nur um die Schließung einer Eliteschule, sondern um die Neuausrichtung von einem Duzend anderer bestehender „Grandes Ecoles“, womit die Ausbildung und Laufbahn der hohen Beamten grundsätzlich umgeworfen würde. 

Geschrieben von

Dr. Kurt Schlotthauer ist der Gründer und CEO von COFFRA. Seit 1972 engagiert er sich im deutsch-französischen Geschäftsumfeld. 1985 gründetet er COFFRA. Zusammen mit über 140 Mitarbeitern betreut die COFFRA heute mehr als 650 Unternehmen weltweit.