Editorial: Gerade noch erhielt Frankreich Bestnoten von ausländischen Investoren

Dies ist zumindest das Ergebnis von zwei Umfragen, die Mitte November 2018 veröffentlicht wurden und der französischen Regierung in diesen tumultreichen Tagen eigentlich den Rücken stärken sollten. 

So kommt das Meinungsforschungsinstitut Ipsos auf der Grundlage seiner Untersuchung zu der Aussage, dass 74% der befragten ausländischen Unternehmen Frankreich wieder als attraktiv ansehen und den ersten 18 Monaten der Präsidentschaft Macron einen positiven Bescheid ausstellen. In 2016 konnte Frankreich nur bei 27% der ausländischen Mutterhäuser ein gutes Image verzeichnen. 

Eine Studie der öffentlichen Agentur Business France kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Danach ist Frankreich sogar für 88% der in die Untersuchung einbezogenen ausländischen Firmen wieder attraktiv geworden. Das bisher immer wieder als Problemland dargestellte Frankreich hatte sich schlagartig geändert. 

Zu der gleichen Überzeugung kommen auch französische Firmenleiter mehrerer hundert internationaler Gruppen in ihrem Manifest, das sie Mitte November 2018 anlässlich einer Kundgebung in der Sorbonne in Anwesenheit von vier Ministern unterzeichneten. 

Dabei beruhen die positiven Urteile über Frankreich auf den bisher tatkräftig begonnenen Reformarbeiten und insbesondere dem zum Ausdruck gebrachten Willen, diese auch um jeden Preis zu Ende führen zu wollen. Aber auch die Rückführung der Körperschaftsteuer, die Aufgabe der Vermögensteuer und die Einführung der Flattax auf Kapitaleinkünfte werden als ermutigende Investitionsanreize angesehen. 

Frankreich hat unzweifelhaft und dies letztlich auch dank seines dynamischen, sehr zielgerichtet vorgehenden Präsidenten in kürzester Zeit sein in den letzten Jahren so angeschlagenes Erscheinungsbild geändert und seine immer weiterbestehenden unzähligen Atouts, die es als Investitionsland ja so attraktiv machen, wieder in den Vordergrund stellen können. Das Ergebnis der Umfragen ist eindeutig und gibt Frankreich einen gewaltigen Vertrauensbeweis. Es verpflichtet aber auch und ist eine Aufforderung, in dieser Richtung unter allen Umständen weiterzumachen. 

Frankreich hat noch lange nicht alle seine Hausarbeiten abgeschlossen und steckt noch tief in den vielen Reformvorhaben, die konsequent zu Ende geführt werden müssen. Dabei ist auch an den immensen Schuldenberg in Höhe von nahezu 100% des BSP zu erinnern, der durch die weiterbestehende, extrem hohe Ausgabenquote des Staates, eine der höchsten in der EU (mit 56% des BSP) –  und wobei weitere Steuer- und Abgabenerhöhungen völlig ausgeschlossen sind – tendenziell nur steigen kann. 

Leider hat sich das Umfeld für das weitere Handeln von Emmanuel Macron seit den immer aggressiver werdenden Demonstrationen der „Gelben Westen“ („gilets jaunes“) völlig geändert. Aus anfänglichen, in Frankreich durchaus üblichen Protestbewegungen anlässlich einer geplanten Erhöhung der Kraftstoffsteuern ist in der Zwischenzeit eine organisierte, über die Straße gehende, radikalisierte, alles in Frage stellende, breite Oppositionsgruppe entstanden. 

Die Strahlkraft des jungen Präsidenten gehört der Vergangenheit an. Tiefstes Misstrauen und weitgehende Ablehnung in vielen Bevölkerungsschichten machen sich direkt ihm gegenüber breit. Der äußerst autoritäre, sich über alle Zwischeninstanzen hinwegsetzende Führungsstil rächt sich nunmehr. Es fehlt der Schutzwall, die Möglichkeit, gewisse unangenehme Entscheidungen zunächst der Regierung anzulasten. 

Präsident Macron muss nun viel Überzeugungskraft an den Tag legen, um einerseits die völlig aus den Fugen geratene Lage des Landes wieder ins Lot zu bringen und um andererseits aber auch seine Politik, die notwendige Transformation von Frankreich, erfolgreich fortsetzen zu können. Dies kann er jedoch nicht allein. Die Suche nach starken Allianzen, der Ausbau der von ihm gegründeten Bewegung „LREM“ – „La République en Marche“ zu einer tatsächlichen Partei, aber vielleicht auch eine größere Einbeziehung des Parlaments könnten dabei sicher behilflich sein. Die gerade noch bekundete Attraktivität von Frankreich könnte ansonsten schnell verspielt sein. 

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Ihre DiagnosticNews-Redaktion

Dr. Kurt Schlotthauer
kschlotthauer(at)coffra.fr

Geschrieben von

Dr. Kurt Schlotthauer ist der Gründer und CEO von Coffra. Seit 1972 engagiert er sich im deutsch-französischen Geschäftsumfeld. 1985 gründetet er Coffra. Zusammen mit über 140 Mitarbeitern betreut die Coffra heute mehr als 650 Unternehmen weltweit.