Editorial: Ein Jahr Emmanuel Macron – eine kurze Bestandsaufnahme

Präsident Macron konnte gerade das erste Amtsjahr feiern. Ein äußerst turbulentes und reformbeladenes Jahr liegt hinter Frankreich und gibt einen Vorgeschmack auf die weiteren vier Regierungsjahre. Ein guter Grund für eine Bestandsaufnahme und einen Ausblick auf die nähere Zukunft.

Die Ausgangslage für die Wahl von Emmanuel Macron war von ganz besonderer Art. Nach den Skandalen um den Rechtskandidaten François Fillon und sein Scheitern im ersten Wahlgang standen sich für die zweite Runde die beiden Rechts- und Links-Populisten; Marie Le Pen und Jean-Luc Mélenchon sowie Emmanuel Macron gegenüber. Die Katastrophe für Frankreich wurde vermieden. Der noch vor einigen Monaten als krasser Außenseiter betrachtete Macron wurde mit überwältigender Mehrheit als Retter der Nation sowohl von den Wählern des linken als auch des rechten Lagers unterstützt.

Macron war bestens auf diesen Tag vorbereitet. Ein minutiös ausgearbeitetes Regierungsprogramm, das während seiner einjährigen Wahlkampagne klar vorgetragen wurde, aber vielleicht nicht so genau zur Kenntnis genommen wurde – nur wenige rechneten ja mit seinem Wahlsieg – stand zur Umsetzung bereit. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger François Hollande, der von seinen vielen Versprechungen abwich, wurde es dann aber auch lückenlos abgearbeitet. „Je ne fais ce que j’ai dit“ (Ich mache nur was ich ankündigte) wurde zu seinem Leitmotiv. Er wollte das angeschlagene Image, die Glaubwürdigkeit Frankreichs, wiederherstellen und das Land nach vielen Jahren Stillstand von Grund auf reformieren oder, in seiner Sprache gesprochen, „transformieren“. Es besteht kein Zweifel, dass der junge Staatschef in beeindruckender Weise die Präsidentenrolle wahrnimmt und an seiner Autorität keinen Zweifel aufkommen lässt. Die Konfrontation mit dem französischen Armeechef und dessen prompter Rücktritt kurz nach der Wahl von Macron demonstrierten eindeutig, wer der oberste Chef im Lande ist. An vielen anderen Beispielen kann dargelegt werden, wie in einer äußerst kurzen Zeit sich der neue französische Präsident durch sein tatkräftiges, teilweise wagemutiges Handeln und Auftreten ein hohes Ansehen im Inland, aber insbesondere im Ausland zulegte. Dabei half ihm auch die günstige Weltwirtschaftslage, um den Abbau des Haushaltsdefizits und damit die erstmalige Einhaltung der Maastricht-Kriterie zu erreichen. Frankreich gehört nicht mehr zu den Klassenletzten.

Aber letztlich ist die Vielzahl der überfälligen Reformen, die angepackt und teilweise auch schon abgeschlossen wurden, die Präsident Macron besonders auszeichnet. Kein Regierungschef seit 1958 hat so viele „Transformationen“ in einer so kurzen Zeit angestoßen. Wir haben in den vergangenen Monaten ausführlich über die verschiedenen Projekte berichtet. Nicht alle bisherigen Reformarbeiten haben den erhofften Tiefgang erreicht, trotzdem liegen viele positive Ansätze vor, und Weitere werden sicher folgen. Die gewünschte Auf- und Umbruchstimmung wurde erreicht.

Macrons Stil besteht darin, die Zwischenebenen, die durch die Gewerkschaften, Parteien, Verbände und sonstige Interessengemeinschaften wahrgenommen werden, zu umgehen und direkt unter Vermeidung jeglicher ideologischen Zielrichtungen vorzugehen. Dabei werden die Probleme von ihm auf einen einfachen, gemeinsamen technischen Nenner gebracht und dann gelöst. Macron ist ein mehr linksorientierter – obwohl völlig zu Unrecht als Präsident der Reichen angeprangert – autoritärer Liberale, der die „Besitzstände“ abschaffen möchte und sich solidarisch mit den „Zurückgebliebenen“ fühlt.

Bei seiner Vorgehensweise profitiert er immer noch von dem Nichtvorhandensein einer ernsthaften politischen Opposition. Weder das traditionelle rechte Lager (LR) noch die sozialistische Partei (PS) haben sich nach der klaren Wahlniederlage bisher erholen bzw. neuformieren können.

Aber wie sieht nun die Bevölkerung ihren Präsidenten nach einem Jahr? Eine Befragung, die durch das Umfrageinstitut Etabe Wavestone für die Tageszeitung „Les Echos“ durchgeführt wurde, zeigt ein zweigeteiltes Frankreich. 52% der Befragten sehen die Wahl von Macron als eine „schlechte Sache“ an, wogegen 58% der interviewten Führungskräfte und der Freiberufler dies positiv bewerten. Ein gerade umgekehrtes Bild wiederum wird von 66% der befragten Arbeiter, die ihre Monatsausgaben nur unter Inanspruchnahme ihrer Reserven sichern, abgegeben. Als Ergebnis der Umfrage überwiegt eine skeptische Einstellung hinsichtlich des Umfangs und des Nutzungseffektes der Reformen.

Präsident Macron wird sich durch diese doch teilweise kritischen Stimmen in keiner Weise in seinem Reformeifer bremsen lassen. Er wird weder dem Druck der Gewerkschaften noch dem der Straße nachgeben. Darüber hinaus ist seine Agenda noch voll von neuen, ambitiösen Veränderungen. An vorläufigen Umfragewerten möchte er sich sowieso nicht messen lassen.

So ist auch die grundlegende Umgestaltung der Europäischen Union eine Herzensangelegenheit für den überzeugten Europäer. Wie weit er hier die anderen europäischen Parteien begeistern und mitziehen kann, werden die nächsten Monate zeigen.

Trotz aller Visionärseigenschaften und der bewiesenen Umsetzungskraft benötigt der französische Präsident auch das notwendige Quäntchen Glück, damit seine Saatgut relativ schnell aufgeht und die erhofften Erfolge sich einstellen. Es muss noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, um die überwiegende Mehrheit der Franzosen mitzunehmen.

Wir werden Ihnen immer wieder über den weiteren Verlauf dieser interessanten Periode berichten.

Ihre DiagnosticNews-Redaktion

Dr. Kurt Schlotthauer
kschlotthauer(at)coffra.fr

Geschrieben von

Dr. Kurt Schlotthauer ist der Gründer und CEO von Coffra. Seit 1972 engagiert er sich im deutsch-französischen Geschäftsumfeld. 1985 gründetet er Coffra. Zusammen mit über 140 Mitarbeitern betreut die Coffra heute mehr als 650 Unternehmen weltweit.