Editorial: 20 Jahre nach der Einführung der 35-Stundenwoche

Vor genau 20 Jahren überraschte Frankreich die Außenwelt mit der Rückführung der gesetzlichen Wochenarbeitszeit von 39 auf 35 Stunden. Ein historischer Tag für die damalige sozialistische Regierung unter Premierminister Jospin und seiner Arbeitsministerin Aubry.

Was ist hierzu erwähnenswert, 20 Jahre danach? Die 35-Stundenwoche war in dieser langen Zeit stets Gegenstand von extrem kontroversen Standpunkten: Die Ökonomisten griffen sie heftigst an, wogegen sie für die Politiker ein ideologisches, unangreifbares Wahrzeichen blieb. Für die französische Wirtschaft war sie schon gar kein Erfolgsfaktor, denn der gewünschte Effekt, die Arbeitslosigkeit zu senken, entwickelte sich in die entgegengesetzte Richtung. Außer den negativen Auswirkungen auf die Lohnkostenstruktur der Unternehmen ergab sich ein gewaltiger Imageverlust für Frankreich, der bei den potentiellen ausländischen Investoren festzustellen war.

Trotz aller Emotionen unterschiedlichster Art bei den verschiedenen Teilnehmern am Arbeitsmarkt hat sich die Allgemeinheit an die Existenz der 35-Stundenwoche gewöhnt. Die Arbeitnehmer sind überwiegend für ihren generellen Fortbestand und genießen im Gegenzug die Vorzüge davon (kürzere Arbeitszeiten oder Beibehaltung der längeren Arbeitszeiten und Ausgleich durch 10 bis 14 zusätzliche freie Tage – „RTT“ – pro Jahr). Auch die Unternehmenschefs haben zwischenzeitlich gelernt, mit dieser Vorgabe umzugehen, wobei die zahlreichen Änderungen und Aufweichungen, die die 35-Stundenwochenregelung in den 20 Jahren erlebte, dies auch wesentlich erleichterten.

Es ist deshalb schwierig, für alle Wirtschaftsbereiche eine generelle Bilanz für die daraus entstandenen Folgen zu ziehen. Zu stark hängt dies vom Wirtschaftszweig und der Kategorie der Arbeitnehmer, z.B. der „Cadres“ ab. So soll z.B. für den Krankenhausbereich – laut der Wirtschaftszeitung Les Echos – die 35-Stundenwoche weiterhin großes Kopfzerbrechen bereiten und eine Quelle für viel Unzufriedenheit darstellen.

Das neue Arbeitsgesetz von Macron stellt sicherlich einen weiteren Meilenstein in dem Wegrücken von der 35-Stundenwoche dar. Aber auch die Gesetze der letzten Arbeitsministerin der Regierung Hollande, Myriam El Khomri, schufen, aufbauend auf den vielen Aufweichungsvarianten, die u.a. bereits in 2002 durch den damaligen Premierminister Fillon eingeführt wurden, entscheidende Voraussetzungen für die Arbeitsrechtsreform des neuen Präsidenten.

Das gesetzliche Postulat der 35-Stundenwoche ist auch durch das neue Arbeitsrecht nicht aufgegeben worden. Die El Khomri Gesetze führten bereits das Vorrecht der Betriebsvereinbarungen vor Branchenabkommen ein. Diese wichtige Grundsatzregelung wurde durch die Macron-Gesetze verfeinert und im Detail weiter ausgebaut. So können nunmehr die Kleinunternehmen (weniger als 50 Mitarbeiter) ohne Beteiligung von Gewerkschaftsvertretern Betriebsvereinbarungen treffen. Die Diskussionen über die Arbeitszeitdauer können so ohne Berücksichtigung bzw. Behinderung durch Branchenabkommen von den Unternehmen in eigener Regie durchgeführt werden. Ist damit de facto die Endphase der 35-Stundenwoche eingeleitet?

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Ihre DiagnosticNews-Redaktion

Dr. Kurt Schlotthauer
kschlotthauer(at)coffra.fr

Geschrieben von

Dr. Kurt Schlotthauer ist der Gründer und CEO von Coffra. Seit 1972 engagiert er sich im deutsch-französischen Geschäftsumfeld. 1985 gründetet er Coffra. Zusammen mit über 140 Mitarbeitern betreut die Coffra heute mehr als 650 Unternehmen weltweit.