Editorial – Die Spannung im französischen Wahlkampf hält an

Die Meinungsforscher haben sich nicht getäuscht. Die angekündigten und von vielen erhofften Überraschungen blieben aus. Das Horrorszenario Mélenchon / Le Pen für die Stichwahl findet nicht statt. Der Senkrechtstarter Emmanuel Macron hat letztlich eindeutig den Einzug in den alles entscheidenden Zweikampf gewonnen. Die Krönung steht noch aus, aber der Weg dahin ist alles andere als ein Spaziergang.

Zurück bleibt ein gespaltenes Land, dessen Bevölkerung dem bisherigen politischen Establishment eine klare Absage erteilte. Die traditionelle sozialistische Partei hat für die als miserabel empfundene Regierungsarbeit des scheidenden Staatspräsidenten die Rechnung bezahlt und muss nun von vorne anfangen. Aber auch der bürgerlichen Rechtspartei der Republikaner ist es mit dem Scheitern ihres skandalbehafteten Kandidaten Fillon nicht viel besser ergangen.

Der Gegner von Macron am 7. Mai heißt Marine Le Pen, die schillernde und viele Skandale und Rechtsanschuldigungen hinter sich herziehende Präsidentin des „Front National“. Die rechtsradikale, ausländerfeindliche und strikt Europa abweisende Partei hat sich unter ihrer Führung stark verändert und ist ein Sammelbecken für die unzufriedenen, sich zurückgelassen fühlenden Franzosen geworden. Die gerade vom Institut für Demoskopie Allensbach zusammen mit dem französischen Meinungsforschungsinstitut Kantar Public France erarbeitete Untersuchung ergab, dass 75% der Franzosen die wirtschaftliche Situation ihres Landes für schlecht erachten und nur 15% der Befragten dem derzeitigen politischen System vertrauen. Dies Ergebnis erklärt teilweise den stetigen Anstieg der Le-Pen-Anhänger.

Die heutige Situation ist nicht mit der Präsidentschaftswahl von 2002 zu vergleichen, bei der Jacques Chirac ohne eigenes Zutun im zweiten Wahlgang gegen den Vater von Frau Le Pen 80% aller Stimmen auf sich vereinigen konnte. Marine Le Pen und ihre Partei sind in der Zwischenzeit für viele Wähler eine echte Alternative geworden. Die Verbreitung von nicht auf den ersten Blick erkennbaren „Fake News“, von wirtschaftlichen Ungereimtheiten und das Schüren der Angst vor der Globalisierung haben dabei geholfen.

Die durch die Eliminierung von François Fillon führerlos gewordene Republikanische Partei hat große Schwierigkeiten, eine einheitliche Empfehlung abzugeben und Macron als einzig sinnvolle Alternative vorzuschlagen. In gleicher Weise ergibt sich aus dem Stillschweigen des geschlagenen linksradikalen Kandidaten Mélenchon hinsichtlich einer Wahlempfehlung eine weitere Unwägbarkeit.

Der Hoffnungsträger für die Erneuerung eines wirtschaftlich geschwächten, reformbedürftigen, mit viel Pessimismus belasteten Frankreich muss in den nächsten Tagen nochmals eine Herkulesarbeit erbringen: Es geht nicht nur darum, Gegenstimmen für Marine Le Pen zu gewinnen, sondern insbesondere um ein klares Votum für sich selbst. Eine hohe Wahlabstinenz oder ein namenloser Wahlzettel könnten die Führerin des „Front National“ an die Spitze des Staates bringen. Eine Tragödie für Frankreich, für Europa, aber auch für Deutschland. Nach den derzeitigen Umfragen ist diese Alternative nicht sehr wahrscheinlich, aber leider auch nicht völlig auszuschließen.

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Dr. Kurt Schlotthauer
kschlotthauer(at)coffra.fr

Geschrieben von

Dr. Kurt Schlotthauer ist der Gründer und CEO von Coffra. Seit 1972 engagiert er sich im deutsch-französischen Geschäftsumfeld. 1985 gründetet er Coffra. Zusammen mit über 140 Mitarbeitern betreut die Coffra heute mehr als 650 Unternehmen weltweit.