Editorial: Die Senkung der hohen Arbeitslosigkeit – eine große Herausforderung für 2018

Die derzeitigen Zahlen zu der Arbeitslosensituation in Frankreich stehen in krassem Widerspruch zu der sich in Hochform befindenden Wirtschaftslage des Landes.

Das Wachstum des BSP für 2017 wird aller Voraussicht nach nahe bei 2% liegen (nach 1,1% in 2016) und sich auch in den beiden kommenden Jahren kaum verändern. Die Moral der Unternehmer war seit zehn Jahren nicht mehr so gut wie im Augenblick. Seit einem Jahr werden mehr Fabrikationsstätten eröffnet als geschlossen, und der Auslastungsgrad der Produktionseinrichtungen lag Ende 2017 laut dem französischen Statistikamt („Insee“) bei 84,9%, höher als der Durchschnitt der Periode 1990 bis 2007.

Trotz dieser dynamischen Geschäftsentwicklung und der Schaffung von 250.000 neuen Arbeitsplätzen in 2017, ein absoluter Rekord seit vielen Jahren, verringerte sich die Gesamtzahl der Personen ohne Arbeit (Kategorie A) nur um 13.000 gegenüber 2016.

Für diese paradox erscheinende Situation sind unterschiedliche Gründe zu nennen. Zunächst ist ein simples statistisches Problem zu erwähnen. In 2016 wurde aus wahltaktischen Gründen von der alten Regierung ein Ausbildungsprogramm für 500.000 Arbeitslose aufgelegt. In der Folge verbesserten sich die Arbeitslosenzahlen der Kategorie A, ohne die Gesamtsituation zu verbessern. Dieser Ausweiseffekt fehlte für 2017. Des Weiteren ist laut Expertenmeinung die Zugkraft des seit nunmehr vier Jahren bestehenden Steuerkredits („CICE“), der zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit den französischen Unternehmen gewährt wurde und dabei zu einer Verringerung der Lohnkosten führte, verblasst. Die Auswirkungen für die Schaffung bzw. für die Erhaltung von Arbeitsplätzen waren laut OFCE für 2017 gegenüber den Vorjahren nur noch marginal. In der gleichen Weise ist auch der Wegfall der bis 30. Juni 2017 bestehenden Einstellungsprämie von 4.000 € pro Person bei Klein- und mittleren Unternehmen zu würdigen.

Die Senkung der hohen Arbeitslosigkeit bleibt also weiterhin die Herausforderung für Präsident Macron in 2018. Dabei ist zu hoffen, dass der mittlerweile abgeschlossene erste Teil der Arbeitsrechtsreform zu greifen beginnt und sich die Einstellungsbereitschaft der Unternehmer erhöht. Zu befürchten bleibt, dass zunächst durch die eingeführten Kündigungserleichterungen des reformierten Gesetzes das Gegenteil eintreten wird. Bei Fortdauer der guten Wirtschaftslage sowohl im In- als auch im Ausland könnte sich dennoch eine schnellere, positive Wende am Arbeitsmarkt ergeben. Eine Aktion von Via Voice, einem Umfrageinstitut, ergab, dass 60% der befragten „Entscheidungsträger“ von einer gegenüber 2017 unveränderten Arbeitslosensituation (9,7% der aktiven Bevölkerung) in 2018 ausgehen.

Deswegen ist es dringend erforderlich, dass die Regierung zügig, wie geplant bis Ende des ersten Halbjahres 2018, den zweiten Teil des großen Reformpakets des Arbeitsrechts, nämlich die Neugestaltung der Berufsaus- und Fortbildung einschließlich Lehrlingsausbildung sowie die der Arbeitslosenversicherung umsetzt.

Der immer mehr festzustellende, enorme Mangel an geeigneten Facharbeitern bei gleichzeitig permanent hoher Arbeitslosigkeit zeigt deutlich die falsche Ausbildungspolitik der vergangenen Jahre. Eine grundlegende Richtungsänderung ist nunmehr vorgesehen. Positive Auswirkungen daraus werden sich aber nur mittel- bis langfristig einstellen. Ähnliche, in die gleiche Richtung gehende Konsequenzen werden sich mit Sicherheit auch aus der grundlegenden Änderung der Arbeitslosenversicherung ergeben.

Die derzeitig mit den einzelnen Berufsgruppen geführten Gespräche, um die obigen Reformen in die gewünschte Fassung zu bekommen und dann dem Parlament vorlegen zu können, erweisen sich als äußerst schwierig. Es ist zu hoffen, dass Präsident Macron wie bisher flexibel bei den Diskussionen und Anhörungen bleibt, aber die Vorhaben dann auch nicht allzu stark modifiziert umsetzt.

Um sich nicht unnötig permanent unter Druck setzen zu lassen, hat deshalb Emmanuel Macron entschieden, die Arbeitslosenentwicklung nur noch quartalsweise bekannt zu geben.

Wir wünschen Ihnen eine angenehme Lektüre.

Ihre DiagnosticNews-Redaktion

Dr. Kurt Schlotthauer
kschlotthauer(at)coffra.fr

Geschrieben von

Dr. Kurt Schlotthauer ist der Gründer und CEO von Coffra. Seit 1972 engagiert er sich im deutsch-französischen Geschäftsumfeld. 1985 gründetet er Coffra. Zusammen mit über 140 Mitarbeitern betreut die Coffra heute mehr als 650 Unternehmen weltweit.