Editorial: Die nächsten großen Baustellen für Frankreich

Das Weltwirtschaftswachstum wird sich nach den Veröffentlichungen der OECD in 2017 auf 3,6% belaufen und damit seit 2010 seinen höchsten Stand erreichen. Auch Frankreich folgt diesem positiven Sog. Das französische Geschäftsklima lag im November 2017 auf einem Niveau, das es in den letzten zehn Jahren nicht mehr gab. Der „Macron-Effekt“ und die zahlreichen, konkreten Reformvorhaben beeinflussen stark den Optimismus der französischen Unternehmenschefs, begeistern aber auch die ausländischen Investoren – insbesondere die amerikanischen, wie aus einer kürzlichen Untersuchung der amerikanisch-französischen Handelskammer hervorgeht.

Eine realistische, aber wahrscheinlich an der Untergrenze liegende Vorausschau der OECD geht für 2017 von einem Wachstumsanstieg von 1,8% des BSP aus, der sich auch im nächsten Jahr mindestens auf der gleichen Höhe fortsetzen wird.

Im Gegensatz zu diesen positiven Aussichten steht die große Schwierigkeit, das leidige Defizit des französischen Staatshaushaltes zu senken. Nur mit einem immensen Kraftakt wird es für 2017 gelingen, den Fehlbetrag des Budgets unter die Maastricht-Grenze auf 2,9% zu drücken. Dafür musste die spontane, bereits für 2017 anzuwendende radikale Erhöhung des Körperschaftsteuersatzes um 15 bzw. 30% für Großunternehmen mit mehr als 1 bzw. 3 Mrd. € Umsatz herhalten. Durch diese Maßnahme sollen 10 Mrd. € der Staatskasse zufließen. Die sehr problematische Entscheidung wurde gerade vom Verfassungsgericht bestätigt.

Das Hauptaugenmerk der Regierung liegt nun – nach weitgehender Verabschiedung der Ordonnanzen zum neuen Arbeitsrecht durch das Parlament – bei der Reform weiterer Bereiche des Sozialrechts: Lehrlingsausbildung, generelle Berufsausbildung und Arbeitslosenversicherung.

Es handelt sich um gewaltige Vorhaben, die in den Augen von Emmanuel Macron zur Reduzierung der hohen Arbeitslosigkeit mindestens ebenso wichtig sind wie die Veränderung des neuen Arbeitsrechts. Zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit werden – so sieht es die Regierung – wettbewerbsfähige Unternehmen benötigt. Nur eine radikale Verbesserung, eine genaue, zielgerichtete Ausrichtung der Berufsausbildung ermöglicht es, kompetente, an die neuen Herausforderungen der modernen Wirtschaft angepasste, von den Unternehmen dringend benötigte Arbeitskräfte heranzuziehen.

Die generelle Berufsaus- und -weiterbildung und ganz speziell die der Lehrlinge („apprentissage“) ist seit Jahrzehnten der wunde Punkt Frankreichs. Die Lehrlingsausbildung Deutschlands wird dabei immer wieder als leuchtendes Beispiel hervorgehoben. Viele, nicht zu Ende geführte Reformen und viel Geld wurden von den Vorgängerregierungen ohne nennenswerte Ergebnisse aufgebracht. Die gesetzlichen Abgaben („taxe d’apprentissage, taxe de formation, …“), die von allen Unternehmen für diese Bereiche aufzubringen sind, werden oft nicht richtig eingesetzt oder wandern in die falschen Kanäle. Präsident Macron, der bereits im Wahlkampf grundlegende Änderungen hierzu ankündigte, bezeichnete das bestehende System als undurchsichtig, ungerecht und darüber hinaus ineffizient.

Im Zusammenhang mit diesen Reformarbeiten steht auch eine grundsätzliche Neuausrichtung der Arbeitslosenversicherung an. Die bisherige Großzügigkeit des französischen Systems, das sich u.a. durch niedrige Minimalbeschäftigungsdauern, lange Arbeitslosenentschädigungszeiten und eine hohe monatliche Bemessungsgrundlage (7.596 €) auszeichnet – was natürlich zu enormen Beitragssätzen führt – soll grundsätzlich geändert werden. Gleichzeitig, und das würde in die Gegenrichtung laufen, soll die Arbeitslosenversicherung aber auch auf andere Berufsgruppen und Sachverhalte ausgedehnt werden.

Schwierige und komplexe Gespräche, die von den Gewerkschaften, aber auch den Arbeitgebern sehr unterschiedlich beurteilt werden, erwarten die Regierung. Das Gesamtpaket des obigen Reformvorhabens soll Mitte 2018 abgeschlossen sein.

Wir wünschen Ihnen nunmehr – soweit Sie es schaffen, sich von dem kommerziellen Trubel nicht völlig in Beschlag nehmen zu lassen – eine besinnliche Vorweihnachtszeit.

Ihre DiagnosticNews-Redaktion

Dr. Kurt Schlotthauer
kschlotthauer(at)coffra.fr

Geschrieben von

Dr. Kurt Schlotthauer ist der Gründer und CEO von Coffra. Seit 1972 engagiert er sich im deutsch-französischen Geschäftsumfeld. 1985 gründetet er Coffra. Zusammen mit über 140 Mitarbeitern betreut die Coffra heute mehr als 650 Unternehmen weltweit.