Editorial – Macron – Spitzenanwärter für die Präsidentschaft?

Französischer Wahlkampf bleibt weiter offen

Wird Emmanuel Macron, der junge Politstar am französischen Wahlhimmel, nächster Präsident der Republik? Die Frage ist längst nicht beantwortet; aber die Möglichkeit besteht durchaus. Der Ablauf der französischen Wahlkampagne gleicht einem Krimi, dessen Ausgang von Tag zu Tag ungewisser wird und noch viele Überraschungen in sich birgt.

Die Furcht vor Marine Le Pen, die mit ihren Anti-Europathesen und der Aufgabe des Euros die internationalen Finanzplätze zu Spekulationen verleitet, ist nicht völlig von der Hand zu weisen, obwohl der Großteil der französischen Gesellschaft diese Hypothese weiterhin entschieden abweist. Aber das komplizierte französische Wahlsystem mit einer Stichwahl kann diesen Ausgang bei den derzeitigen Konstellationen nicht völlig ausschließen.

Der durch einen brillanten, aber auch völlig unerwarteten Sieg in den Vorwahlen („Primaires“) der Rechten gekürte Kandidat François Fillon ist durch die ihm vorgeworfenen Scheinbeschäftigungen seiner Familie in seiner Abgeordnetenzeit stark angeschlagen. Eine Umkehr des bestehenden Abwärtstrends erscheint immer unwahrscheinlicher und das Erreichen der Stichwahl damit für sehr problematisch.

Die beiden Linkskandidaten, der von der sozialistischen Partei gewählte Utopist Benoît Hamon, der u.a. ein Universaleinkommen von 750 € pro Monat einführen möchte, und der radikale Einzelgänger Jean-Luc Mélenchon rangieren derzeitig auf recht aussichtslosen Plätzen. Eine Chance für einen der beiden könnte sich nur ergeben, wenn sie zusammengingen und sich auf einen Kandidaten einigen könnten. Danach sieht es jedoch im Augenblick nicht aus.

Bleibt der lange als krasser Außenseiter angesehene ehemalige Wirtschaftsminister von François Hollande, Emmanuel Macron. Der parteilose, aber dem linken Lager doch sehr nahestehende Kandidat, der sich ohne Hilfe Dritter in den Wahlkampf warf, stellt eine absolute Ausnahmeerscheinung dar. Zunächst erschien sein Anspruch auf das höchste Amt im Staat als völlig unrealistisch und beinahe überheblich. Darüber hinaus führte er bis vor kurzem einen sehr unüblichen Wahlkampf, der sich insbesondere durch viele, sehr allgemein gehaltene Reden und Richtungserklärungen, aber durch kein konkretes, chiffriertes, nachvollziehbares Programm auszeichnete. Sein bisher größtes „Atout“ – außer seiner eigenen brillanten Persönlichkeit, seinem jugendlichen Alter und dem Unbelastetsein von dem unbeliebten französischen Establishment – bestand in der Schwäche seiner Gegner; Marine Le Pen mit ihrer festen Wählerschaft war dabei eine Ausnahme.

Das Zusammengehen bzw. die Unterstützung des Zentristen („Modem“) François Bayrou, der in der Vergangenheit selbst mehrmals Präsidentschaftskandidat war, könnten nunmehr die Aussichten von Emmanuel Macron nicht unwesentlich verbessert haben. Das für Anfang März angekündigte Programm des Kandidaten verspricht mehr Klarheit, aber auch mehr Angriffsfläche zu bringen. Die bisher schon bekannten Punkte seiner Wirtschaftspläne schlagen – im Gegensatz zu den Schockvorschlägen von Fillon – eine wesentlich moderatere Vorgehensweise, wobei Exzesse nach rechts oder links vermieden werden, vor.

Emmanuel Macron ist ein überzeugter Europäer und ein strikter Vertreter der Einhaltung der Maastricht-Kriterien. Der eigentliche Wahlkampf mit der Frage: „Wohin bewegt sich Frankreich?“ hat nun wirklich begonnen.

Wir wünschen Ihnen eine angenehme Lektüre.
Ihre DiagnosticNews-Redaktion

Geschrieben von

Dr. Kurt Schlotthauer ist der Gründer und CEO von Coffra. Seit 1972 engagiert er sich im deutsch-französischen Geschäftsumfeld. 1985 gründetet er Coffra. Zusammen mit über 140 Mitarbeitern betreut die Coffra heute mehr als 650 Unternehmen weltweit.

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